Die Geschichte des Stadtarchivs

400 Jahre "Alte Stadtkanzlei"

Die „Alte Stadtkanzlei“ auf dem Münsterplatz zählt zu den schönsten Renaissancegebäuden im Bodenseeraum. Mit ihrer dominierenden Stellung im Ortsbild verkörpert sie auch heute noch den Herrschaftsanspruch der Reichsstadt Überlingen, die von sich behaupten konnte, nur dem Kaiser untertan zu sein. Im Jahr 2000 blicken wir nun auf 400 Jahre seit Fertigstellung dieses Repräsentationsbaus zurück, denn wie im Flur und auf einem Portal im Obergeschoss angebrachte Jahreszahlen bezeugen, wurde die Kanzlei 1600 vollendet.
Bis dahin war es freilich ein weiter Weg. 1597 wurde ein Kostenvoranschlag erstellt und am 21.12.jenes Jahres ein sogenannter „Verding“ (Werkvertrag) mit den beiden Steinmetzen Martin Hummel und Hans Brielmayer abgeschlossen.


Stadtwappen an der "Alten Stadtkanzlei"

Auch musste das Einverständnis des Bischofs von Konstanz eingeholt werden, weil man aus der bisherigen Häuserzeile ausbrechen und ein Stück des mittlerweile aufgehobenen Friedhofs miteinbeziehen wollte. Im Frühjahr 1598 wurde der Vorgängerbau abgebrochen und der repräsentative Neubau von Hans Brielmayer und Georg Merath, beide Stadtwerkmeister, erstellt.
1612 kam das prunkvolle, „gefasste“, also farbige Stadtwappen hinzu. Zwar trägt es die Jahrzahl 1599, sie dürfte aber auf die Vollendung des Äußeren zu beziehen sein.Seither hatte das Gebäude ein bewegtes Schicksal. Zunächst als Kanzlei, d.h. als Schreibstube für den Stadtschreiber konzipiert, verlor es 1802/03, als die Reichsstadt Überlingen der Markgrafschaft Baden zugeschlagen wurde, seine Funktion und wurde zum Tauschobjekt: 1817 trat die Großherzogliche Domänen-Verwaltung das „Franziskaner Mannskloster“  nebst  Zubehör an die Stadt ab.
Von Seiten der Stadt wurde dem „Staats Aerario“ eine ganze Reihe von städtischen Gebäuden überlassen, darunter auch „das städtische Kanzley und Archiv-Gebäude nebst dem daran stoßenden Wohnhaus“.


Wandmalerei im Stadtarchiv

1822 ging die „Alte Kanzlei“ in Privatbesitz über und konnte erst 1893 durch die öffentliche Hand zurückerworben werden. Schüler der Groß-herzoglichen Baugewerke Schule Karlsruhe machten sich nun daran, das Gebäude aufzunehmen und entdeckten dabei
die unter dicken Farbschichten verborgenen Wandmalereien, die durch den „Oberzeichenlehrer“ Steinhart freigelegt wurden. die unter dicken Farbschichten verborgenen Wandmalereien, die durch den „Oberzeichenlehrer“ Steinhart freigelegt wurden.
Leider verstrichen wohl 12 Jahre und mehr, bis die hiesige Kunstwerkstätte Gebrüder Mezger die Malereien einer fachmännischen Restaurierung unterziehen durfte.

Eine glückliche Fügung ermöglichte es, dass 1913 das Stadtarchiv in die fertig restaurierten Räume einziehen konnte, glücklich, weil die reichsstädtischen  Archivalien in jenes Haus zurück kehrten, in dem sie zum großen Teil entstanden waren. Damals wurde auch eigens eine Archiveinrichtung ganz im Stil des Historismus geschaffen, die bis heute die museale Funktion des Gebäudes unterstreicht. In den letzten Jahren restaurierte man, neben anderen Arbeiten, die Malereien aufs Neue.

Walter Liehner
Stadtarchivar